Queere Gleichberechtigung als Vollendung der Gleichheit aller menschlichen Geschöpfe
(Gedanken aus Präsident Obamas 2.Antrittsrede)

Präsident Barack Obama konnte zwar nie als ausgesprochen homophob bezeichnet werden, jedoch hat sein Einsatz für die LGBTIQ-Community sich während seiner Präsidentschaft sehr verstärkt. Ein deutliches Zeichen dafür war, dass er sich erstmals vor seiner 2.Wahl ausdrücklich für die volle Gleichstellung von Schwulen und Lesben in der Ehe aussprach (marriage equality). Umgekehrt unterstützte ihn die queere Community massiv vor allem bei der 2.Wahl(1), weil sie angesichts des republikanischen Kandidaten Mitt Romney, eines homophoben Mormonen, wusste, was auf dem Spiel stand.

Das zunehmende Engagement für die queere Community zeigt sich auch im Vergleich der beiden Amtsantritts-Zeremonien (Presidential Inauguration). Im Januar 2009 wird die queere Community mit keinem Wort ausdrücklich erwähnt. Bei seiner Antrittsrede seiner 2.Amtsperiode im Januar 2013(2) ließ er während der Zeremonie(3) nicht nur den schwulen Dichter Richard Blanco ein Gedicht vortragen, sondern wechselte noch kurzfristig den Pfarrer aus, der das Segens-Gebet sprechen sollte, weil der ursprünglich vorgesehene unter dem Verdacht stand, homophob zu sein.

In seiner Rede selbst gab er LGBTIQ-Rechten einen prominenten Platz. Vor allem waren diese Gedanken auch in besonderer Weise philosophisch-theologisch fundiert. Er sagte gleich im 1.Absatz: „We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal; that they are endowed by their Creator with certain unalienable rights“. Präsident Obama zitierte diesen Satz aus der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung vom Juli 1776, wo er im 2.Absatz steht.(4) Die theologische Begründung geht von Gott als Schöpfer aus, der alle Menschen gleich geschaffen hat und ihnen deshalb auch gleiche Rechte gibt.(5)

Im für uns entscheidenden Absatz(6) in der Mitte seiner Rede nimmt Obama auf diese Fundierung in der geschöpflichen Gleichheit aller Menschen wiederum Bezug und bewertet diese ethisch-philosophisch als die am meisten evidente von allen Wahrheiten. Er untermalt das mit der Metapher, es sei „der Stern, der uns immer noch leitet.“

Sodann entfaltet er im selben Satz den Gedanken durch historische Emanzipationsbeispiele aus der Geschichte der USA, für die jeweils ein bestimmter Ort beispielhaft steht: - Seneca Falls zuerst (Kampf gegen die Diskrimnierung von Frauen): Im Juli 1848 traf sich in Seneca Falls im Bundesstaat New York ein Kongress von Frauenrechtlerinnen. - Selma (Kampf gegen die rassistische Diskriminierung): In Selma im Bundesstaat Alabama brachen 1965 mehrfach Bürgerrechtler der African Americans zu Protestmärschen auf, um für gleiche Rechte vor allem für die farbigen Amerikaner zu demonstrieren. - Stonewall (Kampf gegen die Diskriminierung sexueller Minderheiten): Es ist eine beachtliche Wertschätzung, dass der Stonewall Inn in New Yorks Greenwich Village als einer der drei prominentesten Emanzipationsorte genannt wird. Gemeint sind natürlich die tagelangen Proteste vom Juni 1969.

Im folgenden Absatz betont Obama in seiner bürgerrechtlichen Einstellung (im Gegensatz auch zu rechtsliberalen Ansätzen, die in formaler wirtschaftlicher Freiheit die Menschenrechtsziele erreicht sehen), dass der Weg zu einer schöpfungsgemäßen, menschlichen Gesellschaft erst zum Teil beschritten ist: „It is now our generation’s task to carry on what those pioneers began.“ So versucht er, seinen Mitbürgern Impuls und Motivation für weiteres emanzipatorisches Engagement zu geben.

In den folgenden Sätzen wird er konkret: Zunächst nennt er das noch nicht vollkommen erreichte Ziel der Gleichberechtigung der Frauen: „For our journey is not complete until our wives, our mothers and daughters can earn a living equal to their efforts.“

Gleich danach nennt er die vollkommene gesetzliche Gleichstellung von Schwulen und Lesben, die er ausdrücklich „Brüder und Schwestern“ nennt (gemeint sind vermutlich alle Queers): „Our journey is not complete until our gay brothers and sisters are treated like anyone else under the law… for if we are truly created equal, then surely the love we commit to one another must be equal as well.“ Hier erwähnt er noch einmal ausdrücklich den Schöpfungsglauben und entfaltet ihn insofern, als die geschöpfliche Gleichheit der unterschiedlichen Menschen auch ihre differente Art, einander zu lieben, mit einschließen muss.

Pfarrer Luis León, ein Einwanderer aus Kuba, sprach anschließend in seinem Segens-Gebet(7) zu Gott: „with the blessing of your blessing we will see that we are created in your image, whether brown, black or white, male or female, first generation or immigrant American, or daughter of the American Revolution, gay or straight, rich or poor.“ Er begründete sein Gebetsanliegen - wie Präsident Obama in seiner Rede - damit, dass Gott alle Menschen nach seinem Bild gleich geschaffen hat und stellte die Akzeptanz von Gays mit der anderer Menschen und Minderheiten gleich.

So bekam die gesamte Zeremonie auch noch eine queerfreundliche Abrundung.



Vgl. die Einbindung dieses Themas in eine allgemeine, umfassende Theorie und systematische Philosophie (der Wirklichkeit) und Theologie: "Menschenwürde, Soziale Rechte, Minderheitenrechte", Kapitel 2.4.4.2.2..


  1. You Tube: "President Obama and the Fight for LGBT Rights";

    You Tube: "Obama Pride: LGBT Americans for Obama";

    You Tube: Ricky Martin’s Wahlkampfspot für Präsident Obama 2012

  2. Antrittsrede vom 20.1.2013


  3. Wikipedia;
    die ganze Zeremonie kann man hier anschauen: You Tube

  4. The Declaration of Independence

  5. Das bedeutet, dass ich auch dem Mitmenschen, der ganz anders ist als ich, gleiche Rechte zugestehe. Ja, erst im Umgang mit dem Menschen, der sich extrem von mir unterscheidet, zeigt sich, ob ich mich gemäß diesem ethischen Grundsatz verhalte.
    Vergleiche dazu den Aufsatz: "Die Akzeptanz von Minderheiten als ethischer Indikator. Wie mit Queers umgegangen wird, zeigt die Qualität einer Gesellschafts- und einer Indivualethik an": „Dieses Prinzip der sich überschreitenden Dialektik, dieses Anerkennen des anderen ist letztlich nur erfüllt, wenn nicht nur bestimmte andere, sondern jedes andere, gerade das andere in seiner extremen Andersheit integriert ist … Dieses Übergehen und damit Berücksichtigen des anderen ist absolut und unendlich, theologisch gesprochen: göttlich“. (Kapitel 2) – „Minderheiten sind also der besonders aussagekräftige Indikator und Maßstab, wieweit jemand sich auf das ganz andere einlässt, und dementsprechend, wieweit jemand gemäß dem plural-dialektischen (göttlich-heiligen) Prinzip sich überschreitet und damit einer daraus abgeleiteten Ethik menschlicher Zivilisation entspricht.“ (Kapitel 6)

  6. „We, the people, declare today that the most evident of truths –- that all of us are created equal –- is the star that guides us still; just as it guided our forebears through Seneca Falls, and Selma, and Stonewall; just as it guided all those men and women, sung and unsung, who left footprints along this great Mall, to hear a preacher say that we cannot walk alone; to hear a King proclaim that our individual freedom is inextricably bound to the freedom of every soul on Earth.“

  7. CP N.America-Artikel: Zaimov, Stoyan: Rev. Luis León Delivers Obama Benediction, Say 'Gay and Straight' Created in God's Image

Meine Email-Adresse
farbtupfer71@aol.com